Ort: Ein stickiges Büro an der Technischen Universität, vollgestellt mit Röhrenmonitoren und Stapeln von Fachzeitschriften.
Zeit: November 1999.
Professor Baumgartner: (starrt fassungslos über den Rand seiner Lesebrille) „Sagen Sie das bitte noch einmal, Herr Fischer. Ich möchte sichergehen, dass ich Sie in diesem akustisch suboptimalen Raum nicht missverstanden habe.“
Lukas: (nervös, ein zerknittertes Manuskript in der Hand) „Herr Professor, ich dachte an einen Paradigmenwechsel. Die Algorithmen für die autonome Navigation in komplexen Umgebungen sind... nun ja, sie stecken fest. Warum ersetzen wir die Logik nicht durch menschliche Intuition? Ein Roboter, der über eine Funkstrecke oder das neue Breitband-Internet ferngesteuert wird. Der Mensch übernimmt die Entscheidungsebene. Wir umgehen das gesamte Problem der Pfadplanung durch Telepräsenz.“
Professor Baumgartner: (lässt den Füllfederhalter fallen, das Geräusch hallt wie ein Schuss) „Telepräsenz? Sie wollen einen ferngesteuerten Spielzeugwagen bauen und das als Informatik-Dissertation verkaufen? Wir befinden uns an der Schwelle zum neuen Jahrtausend, Fischer! Die ganze Welt blickt auf die Automatisierung, und Sie wollen einen digitalen Marionettenspieler engagieren?“
Lukas: „Aber die Rechenleistung...“
Professor Baumgartner: (fällt ihm ins Wort) „Die Rechenleistung ist eine Ausrede für Denkfaulheit! Wissen Sie, was Sie da vorschlagen? Sie schlagen vor, die Informatik aus der Robotik zu entfernen. Wenn ein Mensch den Arm führt oder den Pfad wählt, findet keine Informationsverarbeitung im Sinne der Maschine statt. Das ist... das ist Zirkusarbeit. Ganz ehrlich, Fischer: Wenn das Ihr Verständnis von wissenschaftlichem Fortschritt ist, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, ob dieses Institut der richtige Ort für Sie ist. Ich bezweifle unter diesen Umständen massiv, dass Sie die nötige Reife für eine Promotion besitzen.“
Lukas: (schluckt) „Ich wollte nur eine pragmatische Lösung für das Problem der lokalen Minima in der Navigation finden.“
Professor Baumgartner: „Pragmatismus ist das Ende der Grundlagenforschung! Wir lösen Probleme nicht, indem wir sie wegschieben. Wir lösen sie mathematisch. Setzen Sie sich.“
(Baumgartner wühlt in einem Stapel und zieht ein erst kürzlich erschienenes Paper hervor.)
Professor Baumgartner: „Haben Sie LaValle gelesen? Oder Kuffner? Nein? Natürlich nicht. Während Sie über Joysticks nachdenken, entwickeln kluge Köpfe den Rapidly-exploring Random Tree, kurz RRT. Das ist die Zukunft, Fischer! Es ist ein probabilistischer Algorithmus, der den Konfigurationsraum effizient durchsucht, indem er Bäume in Richtung unbesetzter Bereiche wachsen lässt.“
Lukas: „Ein zufallsbasierter Baum? Ist das nicht zu... stochastisch für präzise Manöver?“
Professor Baumgartner: „Es ist genial! Es löst das Problem der hohen Dimensionalität, an dem Sie mit Ihrem 'Tele-Hobby' kläglich scheitern würden. Sie werden folgendes tun: Sie vergessen diesen Unsinn mit der Fernsteuerung sofort. Sie werden ein Framework entwickeln, das RRT für nicht-holonome Systeme implementiert. Wir werden beweisen, dass die Maschine den Weg findet, ohne dass ein Mensch am anderen Ende der Leitung schwitzt.“
Lukas: „Verstehe, Herr Professor. Also ein rein algorithmischer Ansatz.“
Professor Baumgartner: „Ein wissenschaftlicher Ansatz. Gehen Sie in den Pool, lesen Sie die Veröffentlichungen von 1998 und '99 zum Thema RRT und zeigen Sie mir nächste Woche eine Simulation, die ohne menschlichen Eingriff funktioniert. Und Fischer... erwähnen Sie nie wieder das Wort 'fernbedient' in diesen Mauern. Wir bauen hier Intelligenz, keine Geisterfahrer.“
Lukas: „Ja, Herr Professor. Ich... ich mache mich sofort an die Arbeit.“
Professor Baumgartner: (murmelt, während Lukas das Büro verlässt) „Fernsteuerung... unfassbar. Als Nächstes schlägt er wohl noch vor, dass wir unsere Briefe per Fax verschicken, statt E-Mails zu schreiben.“
May 11, 2026
Ferngesteuerte Robotik im Jahr 1999
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