April 28, 2026

Gespräch über die Geschichte des Faxgerätes

 Ort: Ein staubiges, aber gemütliches Archiv voller grauer Plastikgehäuse und alter Bedienungsanleitungen.

Personen: Lukas, ein Technikjournalist mit Hang zur Nostalgie, und Dr. Arndt, ein Technikhistoriker mit Spezialisierung auf Bürokommunikation.

Lukas: Dr. Arndt, wenn ich heute jungen Volontären erzähle, dass wir früher wichtige Dokumente durch eine Glasplatte eingelesen haben, damit sie am anderen Ende der Republik auf einer Rolle Thermopapier wieder herauskommen, schauen die mich an, als käme ich aus dem Pleistozän. Warum war das Fax in Deutschland zwischen 1990 und 2010 so unantastbar?

Dr. Arndt: (lacht) Weil es die perfekte deutsche Lösung war: rechtssicher, haptisch und wunderbar bürokratisch. 1990 standen wir am Gipfel der Standalone-Geräte. Erinnern Sie sich an die klobigen Kisten von Siemens oder Canon? Das waren dedizierte Maschinen. Sie taten nichts anderes, als Telefonleitungen mit Pieptönen zu quälen. Dass sie so lange überlebten – bis weit in die 2000er hinein –, lag am „Schriftformerfordernis“. Ein Fax galt vor Gericht lange Zeit als sicherer als eine E-Mail.

Lukas: Stimmt, die E-Mail war damals der „wilde Westen“. Aber blicken wir mal auf die Technik. Anfang der 90er war das Thermopapier der Standard. Das Zeug, das sich in der Sonne einrollte und nach zwei Jahren komplett verblasste. War das aus technikhistorischer Sicht nicht ein totaler Fehlschlag?

Dr. Arndt: Technisch gesehen war es minimalistisch und wartungsarm. Kein Toner, keine Tinte, nur Hitze. Aber für die Archivierung war es der Albtraum jedes Aktenverwalters. Deshalb sahen wir Mitte der 90er den ersten großen Umbruch: Das Normalpapier-Fax zog in die Büros ein. Zuerst über Thermotransferrollen – dieses schwarze „Kohlepapier“, das man nach dem Benutzen gegen das Licht halten konnte, um die vertraulichen Nachrichten der Kollegen zu lesen. Ein Datenschutz-Gau, wenn man so will.

Lukas: Oh ja, das war der Klassiker im Gemeinschaftsbüro. Aber dann kam die Zeit, in der das Faxgerät seine Identität verlor. Ende der 90er, Anfang der 2000er, standen plötzlich diese riesigen Kartons bei MediaMarkt oder Saturn: „4-in-1 Multifunktionsgeräte“. Der Fax-Standalone wurde zum Feature degradiert, das in einem Tintenstrahldrucker mitschwang.

Dr. Arndt: Das ist ein entscheidender Punkt. Das Fax wurde „demokratisiert“. Plötzlich hatte jede kleine Schreinerei und jeder Privathaushalt ein Fax, weil es eben im HP OfficeJet oder im Epson-Drucker eingebaut war. Diese Geräte nutzten die Tintenstrahltechnologie. Das war qualitativ ein Quantensprung zum Thermopapier, brachte aber ganz neue Probleme: Eingetrocknete Druckköpfe, wenn man nur alle drei Wochen ein Fax bekam.

Lukas: Ich erinnere mich an das typische Szenario um das Jahr 2005: Man wollte schnell einen unterschriebenen Vertrag senden. Der Drucker startete erst mal eine zehnminütige Reinigungsprozedur, während die Telefonleitung schon die Wählgeräusche machte. Dieses „Handshake“-Geräusch des Modems – für mich der Sound der 90er.

Dr. Arndt: Dieses Geräusch war das Protokoll T.30 in Aktion. Es war faszinierend: Zwei Geräte handelten aus, wie schnell sie Informationen austauschen konnten. In den 90ern waren das oft nur 9,6 oder 14,4 kbit/s. Später, mit den Super-G3-Faxen in den Multifunktionsgeräten, ging es auf 33,6 kbit/s hoch. Aber im Vergleich zum aufkommenden DSL war das natürlich Schneckentempo.

Lukas: Warum hat sich das Fax in Deutschland eigentlich hartnäckiger gehalten als in anderen Ländern? Um 2010 herum war in den USA das Fax fast schon ein Museumsstück, während wir hier noch fleißig Bestätigungen faxten.

Dr. Arndt: Deutschland ist ein Land der „dokumentierten Sicherheit“. Das Fax bot das Sendeprotokoll. Dieser kleine Ausdruck – „Übertragung OK“ – war für den deutschen Angestellten das ultimative Beruhigungsmittel. Es war die Verbindung aus analoger Unterschrift und digitaler Übermittlung. Die Multifunktionsgeräte der 2000er haben dieses Bedürfnis bedient. Man konnte scannen, kopieren, drucken und eben „rechtssicher“ faxen, alles mit einer Patrone.

Lukas: Aber die Technik fraß sich selbst auf, oder? Mit dem Aufkommen von PDF-Anhängen und dem Scannen direkt in die E-Mail wurde das Faxmodem im Drucker doch eigentlich zum Blinddarm der Technikgeschichte.

Dr. Arndt: Absolut. Zwischen 2005 und 2010 sahen wir den Übergang zum „PC-Fax“. Die Multifunktionsgeräte konnten das Fax zwar noch empfangen, leiteten es aber oft direkt als Bilddatei an den Computer weiter, statt es auszudrucken. Das war der Anfang vom Ende der haptischen Fax-Kultur. Die Hardware war zwar noch da – oft als grauer Kasten in der Ecke des Home-Office –, aber sie wurde immer seltener mit der Telefonbuchse verbunden.

Lukas: Wenn Sie heute ein Multifunktionsgerät aus dem Jahr 2002 sehen, diesen typischen Mix aus hellem Plastik und kleinen LCD-Anzeigen: Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Dr. Arndt: Ich sehe eine Übergangstechnologie. Es war die Brücke von der rein analogen Welt der 80er in die voll vernetzte Welt von heute. Diese Geräte waren Schweizer Taschenmesser für eine Generation, die der Cloud noch nicht traute, aber den Komfort des Digitalen wollte. Standalone-Faxgeräte von 1990 wirken heute wie Skulpturen einer vergangenen Epoche. Die Kombigeräte von 2010 hingegen wirken wie die Vorboten unserer heutigen „Alles-in-einem“-Welt, nur eben mit viel mehr mechanischem Klappern.

Lukas: Ein schönes Schlusswort. Das Fax ist vielleicht fast tot, aber das Sendeprotokoll lebt in unseren Lesebestätigungen weiter. Danke für diese Zeitreise, Herr Doktor.

Dr. Arndt: Gerne. Und falls Sie das Interview als Kopie brauchen... ich könnte es Ihnen rüberfaxen! (beide lachen)

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